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  "Bodengold und andere Heilige" Essay von Prof. Dr. Thomas Zaunschirm im Katalogbuch "GOLD"
   

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Bodengold

Seit 2009 verbindet ein Korridor aus Stahl und Glas entlang des Kammergartens das Untere Belvedere mit der Orangerie. Auf dem Weg durch die Ausstellung wird hier zunächst an drei Stellen der Weg durch Blattgold auf dem Boden versperrt. Die Schwellen bleiben unterschiedlich lange, die erste wird nur am Eröffnungstag zu betreten sein, die nächste einige Tage, die dritte während der ganzen Ausstellungsdauer. Die drei auf Sicherheitsglas beschichteten Gold-Tafeln werden im Anschluss daran von Johannes Angerbauer zu einem Triptychon zusammengestellt. Es wird den Prozess dokumentieren, wie die Besucher das Gold mit Füßen treten. Die individuellen Reaktionen werden sehr unterschiedlich sein. Vermutlich wird das Empfinden, hier ein Tabu zu verletzen, überwiegen.

   

Exkurs: Tabu Bodengold

Die Scheu, auf Gold zu gehen, hat mehrere Gründe. Erstens wird der edle Glanz zerstört, weil die Haut des dünnen Blattgoldes sehr verletzlich ist. Zweitens schreckt man davor zurück, in ein Werk hineinzusteigen. Der dritte Grund betrifft den kulturgeschichtlichen Zusammenhang von Gold und Schatten. Der mittelalterliche Goldgrund und der neuzeitliche Schatten sind inkompatibel. Das perspektivisch-räumliche Denken hat den Goldgrund beendet. Das Wort "Grund" bezog sich immer auf den Hintergrund und nicht auf den "Grund und Boden". Der Konnex Gold und Schatten wird allerdings im Zuge der Wiederentdeckung des Mittelalters um 1800 zwar nicht in der Malerei, aber in der Dichtung deutlich.
In Peter Schlemihls wundersamer Geschichte (1814) von Adelbert von Chamisso tauscht der Titelheld seinen Schatten gegen einen unversiegbaren Goldsäckel. In einer Schlüsselszene verstreut er immer mehr Gold auf den Boden, "bis ich ermüdet selbst auf das reiche Lager sank und schwelgend darin wühlte, mich darüber wälzte [....] die Nacht fand mich liegend auf dem Golde, und darauf übermannte mich der Schlaf." Hier findet sich das erste Mal ein horizontaler Goldboden, der, durch Schlucken des Schattens, den Menschen zu einem "Niemand" macht. Ein Mensch ohne Schatten hat keine Identität, weil sich in der Welt des Helldunkels um ihn kein Raum bildet.(1)

   

Ein vierter Grund für die Scheu, den goldenen Boden zu betreten, liegt darin, dass damit die Vorstellung
des beständigen Wertes unterminiert wird. "Gold als abstrakte Basis unserer Marktwirtschaft, Gold als Symbol von Macht und damit Hauptzielvorstellung unserer Gesellschaft wird als Erdmaterial vorgestellt,
als ein zu transformierendes Gestaltungsmittel, das weder symbolisch noch faktisch einen Ewigkeitswert darstellt, sondern wie jedes Element in verändernde Bewegungsabläufe eingebunden ist."(2) Indem wir unsere Spuren auf dem Gold hinterlassen, werden wir Mitgestalter im sozialen Prozess einer gegen die Beständigkeit des Goldes gerichtete Intention.

   

Angerbauers "Goldobjekte wollen mit Füssen getreten, abgerubbelt, zerkratzt, verworfen und entweiht werden, um so die >Wahrheit ans Licht< zu bringen."(3)

   

In der Orangerie ist ein Diptychon von Angerbauer zu sehen, der sich nach einer Pause seit 2008 wieder des Pseudonyms "Johannes Goldhoff" bedient. (4) Darin werden seine Vorstellungen deutlich, die auch im Internet nachzulesen sind.(5) In diesem Kristalltag, 10. Nov. 1998, der wie alle seine Werke aus einer Aktion heraus entstand, sind die Spuren von Vertrieben auf dem Gold zwischen Sicherheitsglas hinterlassen worden.
Das zweite Bild zeigt das hinter dem zerbrochenen Glas verborgene gelbe Bild des polnisch-deutschen Juden Herrschel Feibel Grynspan, dessen Schussattentat auf einen Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris 1938 die Judenverfolgung ("Kristallnacht") auslöste. Die Namensähnlichkeit mit Alan Greenspan ist willkommen. Gegen ihn war in den USA 2001 ein Verfahren wegen des Verdachts der Goldpreis-Manipulation anhängig, das aber für den legendären Banker ohne Konsequenzen blieb. Jede Aktion Angerbauers führt etwaige Gewinne zurück in Sozialprojekte (Aids-Hilfe, Tsunami Opfer u. ä.) und ist grundsätzlich immer gegen Spekulationen mit Gold gerichtet.

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(1) Victor I. Stoichita, Eine kurze Geschichte des Schattens, München 1999, darin das Kapitel "Niemand auf Goldgrund", S. 165 ff. Die Tatsache, dass es sich nicht um einen Goldgrund, sondern um den von Golddukaten bedeckten Boden handelt, spielt in unserem Zusammenhang keine Rolle.

    (2) Peter Assman, in:  http://www.socialgold.com/D/texte/assmann.htm
    (3) Raimund Locicnik, "Das Denken verschüttet die Wahrheit", in: Passagen, 5/98
    (4) URL: http://www.socialgold.com/D/biografie.htm
    (5) URL: http://www.kristalltag.com
     
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